Wie sich Israel selbst isoliert hat

Uri Avnery ist Gründer der Bewegung Gush Shalom. Der Publizist und langjährige Knesset-Abgeordnete Avnery, 1923 in Beckum geboren und 1933 nach Palästina ausgewandert, gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Gestalten der israelischen Politik. Er ist durch seine kämpferisch-kritische Begleitung der offiziellen israelischen Regierungspolitik weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden. Für sein Engagement für den Frieden im Nahen Osten sind ihm zahlreiche Auszeichnungen zuerkannt worden, unter anderen der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (1995), der Aachener Friedenspreis (1997), der Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte (1997), der Alternative Nobelpreis (2001) sowie der Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg (Mai 2002).

Ein Artikel von  Uri Avnery, übersetzt von politaia.org
Die größte Gefahr für Israel ist nicht die vermeintliche iranische Atombombe. Die Gefahr ist die Dummheit unserer Führer. Das ist kein speziell israelisches Phänomen. Der Großteil der Weltführer sind schlicht und einfach dumm und das war schon immer so.

Es reicht schon, wenn wir uns ansehen, was im Juli 1914 geschah, als eine unglaubliche Ansammlung von dummen Politikern und inkompetenten Generalen die Menschheit in den Ersten Weltkrieg gestürzt hat [weiß Uri Averny es nicht besser oder will er uns nur das Gehirn waschen? Der erste Weltkrieg wurde von den Londoner Bankstern minutiös geplant und brachte mit der Balfour-Erklärung 1917 die Basis für den später entstehenden Staat Israel hervor, von dem heraus Uri Averny schreibt. Anm. d. Ü.].

Aber kürzlich haben Benjamin Netanjahu und fast das gesamte politische Establishment in Israel einen neuen Rekord an Dummheit erzielt.

Lassen Sie und das Pferd von hinten aufzäumen. Der Iran ist der große Sieger. Er wurde herzlich in die Familie der zivilisierten Nationen wiederaufgenommen. Seine Währung, der Rial, geht sprunghaft nach oben. Sein Prestige und sein Einfluß in der Region sind überwältigend geworden. Seine Feinde in der muslimischen Welt, Saudi-Arabien und seine Golf-Satelliten, sind erniedrigt worden. Jeglicher Militärschlag von einem dieser Staaten einschließlich Israel gegen den Iran ist undenkbar geworden.

Das Bild des Iran als eine Nation verrückter Ajatollahs, welches von Netanjahu und Ahmadinedschad gepflegt wurde, ist verschwunden. Iran gleicht nun einem verantwortungsbewußten Land, das von nüchternen und klugen Führern geführt wird.

Israel ist der große Verlierer. Es hat sich selbst in eine Position vollkommener Isolierung manövriert. Seine Forderungen wurden ignoriert, seine traditionellen Freunde haben sich distanziert. Aber vor allen Dingen sind seine Beziehungen zu denUSA ersnthaft beschädigt.

Was Netanjahu und Co. tun, ist fast nicht zu glauben. Sie sitzen auf einem hohen Ast und sägen ihn eifrig durch. Es ist viel über die fast völlige Abhängigkeit Israels von den USA in fast allen Bereichen geschrieben worden. Um allerdings das gesamte Ausmaß der Narretei zu erfassen, muß ein spezieller Aspekt ganz besondere Erwähnung finden. Israel kontrolliert de facto den Zugang zu den US-Zentren der Macht. Alle Nationen, insbesonder die kleineren und ärmeren Länder, wissen, dass der Zugang zu den Hallen des amerikanischen Sultans mit der Bestechung des Torwächters erkauft werden muss, wollen sie Hilfe und Unterstützung erhalten. Die Bestechung kann politischer (Privilegien für ihre Führer), ökonomischer (Rohstoffe), diplomatischer (Stimmen in der UNO), militärischer (eine Basis oder “Geheimdienstzusammenarbeit”) oder anderer Natur sein. Wenn sie groß genug ist, wird dasAIPAC dabei helfen, die Unterstützung des Kongresses zu bekommen.

Dieser unvergleichliche Schatz beruht ausschließlich auf Israels einzigartige Position in den USA. Netanjahus vollkommene Niederlage hinsichtlich der US-Beziehungen mit dem Iran hat Israels Position schwer beschädigt, wenn nicht gar zerstört. Der Schaden ist gar nicht abzusehen. Die israelischen Politiker, wie die meisten ihrer Kollegen anderswo, kennen sich nicht gut in Weltgeschichte aus. Es sind Parteisoldaten, die ihr Leben mit politischen Intrigen verbringen. Hätten sie Geschichte studiert, hätten sie sich nicht die Falle gegraben, in der sie nun hineinfallen.

Ich gerate in Gefahr zu prahlen, dass ich vor zwei Jahren geschrieben habe, jeglicher militärischer Angriff auf den Iran – ob nun durch Israel oder durch die USA – sei unmöglich. Das war keine Prophezeiung, die von irgendeiner unbekannten Gottheit inspiriert worden war. Sie war auch nicht besonders gescheit. Sie war nur das Ergebnis eines Blicks auf die Landkarte, auf die Straße von Hormus. Jede Militäraktion gegen den Iran würde zwangsläufig in einen größeren Krieg ausarten, etwa in der Kategorie Vietnam, und in einem Kollaps der Weltölversorgung. Selbst wenn die US-Öffentlichkeit nicht so kriegsmüde gewesen wäre, hätte man für ein solches Abenteuer nicht nur närrisch, sondern praktisch geisteskrank sein müssen. Die militärische Option ist “nicht vom Tisch” – sie war niemals “auf dem Tisch”. Es war eine leere Pistole, und die Iraner wußten das sehr wohl.

Die geladene Pistole war das Regime der Sanktionen. Es traf die Leute. Es überzeugte den höchsten Führer Ali Husseini Khamenei, das Regime völlig zu ändern und einen neuen und ganz anders gestrickten Präsidenten zu installieren. Die Amerikaner kapierten das und haben sich darauf eingestellt. Netanjahu mit seinem Bombenwahn tat das nicht. Schlimmer noch, er tut es immer nocht nicht.

Wenn es als ein Symptom für Geisteskrankheit gilt, etwas ununterbrochen zu versuchen, was immer und immer wieder fehlschlägt, dann sollten wir anfangen, uns um “König Bibi” Sorgen zu machen. Um sich vom Image des völligen Versagens zu bewahren, hat das AIPAC seine [sic!!] Senatoren und Kongressmitglieder angewiesen, neue Sanktionen zu erarbeiten, die irgendwann in der Zukunft zu erlassen sind. Das neue Leitmotiv der israelischen Propagandamaschine basiert auf der Behauptung, der Iran betrüge. Die Iraner könnten einfach nicht anders. Betrug liege in ihrer Natur. Das könnte wirken, weil es tief im Rassismus verankert ist. Bazaar ist ein persisches Wort und wird im europäischen Denken mit Feilscherei und Täuschung assoziiert. Aber die israelische Überzeugung, dass die Iraner betrügen, hat eine robustere Grundlage: Ihr eigenes Verhalten. Als Israel in den 1950er Jahren damit anfing, mit Hilfe der Franzosen sein eigenes Atomwaffenprogramm aufzubauen, mußte es die ganze Welt betrügen und hat das mit erstaunlicher Effektivität getan.

Aus reinem Zufall – oder auch nicht – sendete die israelische Fernsehanstalt Channel 2 TV vergangenen Montag eine sehr aufschlussreiche Geschichte (nur zwei Tage nach der Unterzeichnung des Genf-2-Abkommens!). Ihre prestigeträchtigstes Programm “Fact” interviewte den israelischen Hollywoodproduzenten Arnon Milchan, einen Milliardär und israelischen Patrioten. In der Sendung prahlte Milchan über seine Arbeit für den Lakam, den israelischen Geheimdienst, der den Fall Pollardbearbeitete. [Lakam war ein israelischer Nachrichtendienst zum Schutz und zur Unterstützung des israelischen Nuklearprogramms. Die 1957 unter der Bezeichnung „Büro für Spezialaufgaben“ gegründete Dienststelle wurde offiziell 1986 aufgelöst. Anm. d. Ü.] Lakam spezialisierte sich auf Wissenschaftsspionage und Milchan leistete unschätzbare Arbeit, indem er im Geheimen und unter falschen Vorgaben die benötigten Materialien für das Nuklearprogramm besorgte, welches die israelischen Bomben produzierte.

Milchan deutete seine Bewunderung für das süfafrikanische Apartheid-Regime und Israels Zusammenarbeit mit demselben an. Zu der Zeit verblüffte eine mögliche nukleare Detaonation im Indischen Ozean nahe bei Südafrika amerikanische Wissenschaftler und es gab hinter vorgehaltener Hand Theorien über eine israelisch-südafrikanische Atombombe.

Eine dritte Partie war der Schah des Iran, der ebenfalls nukleare Ambitionen hatte. Es ist eine Ironie, dass Israel dem Iran bei seinen ersten nuklearen Schritten half. Die israelischen Führer und Wissenschaftler bemühten sich sehr, ihre nuklearen Aktivitäten zu verschleiern. Das Reaktorgebäude wurde als Textilfabrik getarnt. Ausländer, welche Dimona besuchten, wurden durch falsche Wände, versteckte Stockwerke usw. getäuscht.

Deshalb wissen unsere Führer genau, von was sie sprechen, wenn sie über Täuschung, Betrug und Irreführungen reden. Sie respektieren die Fähigkeiten der Perser, dasselbe zu tun und sind nahezu davon überzeugt, dass diese passieren wird. So sind praktische alle Israelis und vor allem die Kommentatoren in den Medien.

Einer der bizarrsten Aspekt in der israelisch-amerikanischen Krise ist die israelische Beschwerde, dass die USA einen geheimen diplomatischen Kanal “hinter unserem Rücken” benutzt hätten. Gäbe es eine internationale Auszeichnung für Chuzpe, wäre das ein starker Mitbewerber. Der Welt “einzige Supermacht” pflegte geheime Unterredungen mit einem wichtigen Land und informierte Israel nachträglich darüber. Welch eine Frechheit! Was glauben die eigentlich? Das eigentliche Abkommen – so scheint es – wurde nicht in den vielen Verhandlungsstunden in Genf ausgearbeitet, sondern bei diesen geheimen Kontakten.

Nebenbei bemerkt, unsere Regierung konnte nicht umhin, sich damit zu brüsten, dass sie das alles aus ihren eigenen Geheimdienstquellen bereits wußte. Man streute, die Informationen kämen aus saudischen Quellen. Ich für meinen Teil habe den Verdacht, dass sie von einem unserer vielen Informanten in der US-Administration kamen. Wie auch immer, die Vorstellung herrscht vor, dass die USA verpflichtet sind, Israel im voraus über jeden Schritt im Nahen und Mittleren Osten zu informieren. Interessant.

Präsident Obama hat offensichtlich entschieden, dass Sanktionen und militärische Drohungen nur so weit gehen könnten. Ich denke, er hat Recht. Eine stolze Nation unterwirft sich nicht offenen Drohungen. In einer solchen Notlage neigt eine Nation dazu, die Reihen in patriotischem Eifer zu schließen und ihre Führer zu unterstützen, so unbeliebt sie auch sein mögen. Wir Israelis würden das auch tun. Und jede andere Nation.

Obama setzt auf den iranischen Regimewechsel, der bereits begonnen hat. Eine neue Generation, die in den sozialen Medien sehen kann, was auf der Welt passiert, will am guten Leben teilnehmen.

Revolutionärer Eifer und ideologische Orthodoxie lassen mit der Zeit nach; wir als Israelis wissen es nur zu gut. Das passierte mit unseren Kibbuzim, es passierte in der Sowjetunion, es passiert gerade in China und in Kuba. Nun passiert es auch im Iran.

Was sollten wir tun? Mein Ratschlag ist einfach: Wenn man sie nicht schlagen kann, so schließe man sich ihnen an. Hört auf mit der Netanjahu-Besessenheit. Heißt das Genf-Abkommen willkommen (weil es gut für Israel ist).

Ruft die AIPAC-Bluthunde vom Kapitol zurück. Unterstützt Obama. Repariert die Beziehungen zur US-Administration. Und am wichtigsten: Streckt Eure Fühler nach dem Iran aus und verändert langsam unsere gegenseitigen Beziehungen. Die Geschichte zeigt, dass die Freunde von gestern die Feinde von heute sein können, und die Feinde von heute können zu den Verbündeten von morgen werden. Das passierte schon einmal zwischen uns und dem Iran. Läßt man die Ideologie beiseite, gibt es keinen Interessenkonflikt zwischen beiden Nationen.

Wir brauchen einen Führungswechsel, so einen, wie er gerade im Iran anfängt. Unglücklicherweise marschieren alle israelischen Politiker – links oder rechts – im Gleichschritt mit den Narren. Keine einzige Stimme aus dem Establishment hat sich dagegen erhoben.…………………..

Wie man im Jiddischen sagt: Die Narren wären lustig gewesen, wenn es nicht unsere Narren gewesen wären.

Übersetzung durch http://www.politaia.org

Englischer Original Artikel: http://zope.gush-shalom.org/home/en/channels/avnery/1385746190/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s