Offener Brief von Nachfahren russischer Adelsfamilien

Nachfahren russischer Adelsfamilien haben sich wegen der Ukraine-Krise in einem offenen Brief an die europäischen Staats- und Regierungschefs gewandt, schreibt die „Rossijskaja Gaseta“ am Donnerstag.

Fürst Dmitri und Fürstin Tamara Schachowski hatten am 26. November im Internet einen Brief veröffentlicht. Der Brief wurde von Nachkommen von russischen Adelsfamilien aus verschiedenen Ländern unterstützt.

So heißt es in dem Brief unter anderem:

Seit fast einem Jahr ist jeder von uns, Nachkomme der „weißen Emigranten“, von den Ereignissen in der Ukraine tief berührt. Im Unterschied zu den Menschen in unserer Umgebung haben wir wegen unserer Wurzeln Zugang zu verschiedenen Informationen. Die Kenntnisse über die Vergangenheit des vorrevolutionären Russlands verpflichten uns, die Geschichtsmanipulationen, die zu einer Tragödie in der Ukraine führten, aufzudecken. Angesichts der wachsenden Spannungen im Donezbecken und in den internationalen Beziehungen liegt der Schluss nahe, dass die aggressive Feindlichkeit gegen Russland irrational ist. Es handelt sich um eine Politik der Doppelstandards.

Russland werden alle möglichen Verbrechen vorgeworfen. Moskau wird ohne Beweise für schuldig erklärt, während gegenüber anderen Ländern Nachsichtigkeit gilt, darunter bei der Wahrung der Menschenrechte.

Wir wollen auf keinen Fall auf den Schutz der Werte verzichten, die uns von unseren Vorvätern beigebracht wurden, die nach der Revolution 1917 vertrieben wurden. Wir wollen weder auf die Verurteilung der verbrecherischen Taten der Bolschewisten und ihrer Nachfolger noch auf die Klärung der schrecklichen Wahrheit der damaligen Zeit verzichten. Doch das bedeutet nicht, dass wir uns mit der täglichen Verleumdung des heutigen Russlands, seiner Führung und seines Präsidenten abfinden, gegen die Sanktionen verhängt wurden.

Besonders lächerlich sind die systematischen Angriffe auf alles, was mit der „russischen Welt“ zusammenhängt. Für Empörung sorgt ebenfalls das Verschweigen der schweren Bombenangriffe auf das Donezbecken, von denen friedliche Einwohner und die zivile Infrastruktur betroffen sind. Seit Monaten sterben Kinder und Alte, werden schwer verletzt. Gefangene werden gefoltert. Die Kiewer Regierung verhängte eine Blockade, um die Region, die sie als Teil der Ukraine ansieht, völlig zu zerstören. Die Gewalt der Kiewer Behörden gegenüber der Russisch-Orthodoxen Kirche muss verurteilt werden. Priester werden verfolgt, zur Flucht gedrängt und sogar ermordet. Etwa 50 Kirchen wurden zerbombt. Wo sind hier die europäischen Werte?
Wir sind keine gleichgültigen und stillschweigenden Zeugen der Vernichtung der Einwohner des Donezbeckens, der empörenden Russenfeindlichkeit und des heuchlerischen Herangehens – das alles widerspricht völlig den Interessen des von uns geliebten Europas. Wir hoffen, dass die Länder, die uns einst ein Zuhause gegeben hatten, sich wieder für den Weg der Vernunft und der Neutralität entscheiden.

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3 Gedanken zu “Offener Brief von Nachfahren russischer Adelsfamilien

  1. Ursula Stumpe-Lockheimer

    Ich würde mich selbst als wertekonservativ bezeichnen und bin Anhänger einer aufgeklärten konstitutionellen Monarchie. Aber der Aufruf der russischen Adeligen macht mich wütend. Es ist schon seltsam, wenn genau die „Kaste“, deren -bis auf wenige Lichtgestalten – Vertreter mit jahrhundertelanger Ignoranz und Unfähigkeit die Zeichen der Zeit zu erkennen, die russische Revolution heraufbeschwört haben, sich nun auf die „Werte“ ihrer Vorväter beruft, indem sie die russische Politik im Bezug auf die Ukraine beklagt. Leider hat der russische Adel, insbesondere das letzte Zarenpaar, die Reformen des Zaren Alexander II. nicht fortsetzen können und im Zusammenspiel mit den übrigen europäischen Monarchen das russische Volk in den ersten Weltkrieg gestürzt. Bornierte dynastsche, territoriale und machtpolitische Interessen standen im Vordergrund anstatt mit klugen Visionen das Land in die Moderne zu führen und beispielsweise der Duma eine politische tragende Bedeutung beizumessen und langfristig eine konstitutionelle Monarchie aufzubauen, die zu einem Stabilitätsfaktor im europäisch-asiatischen Raum hätte werden können. Mit der anachronistischen Haltung des letzten Zarenpaares, insbesondere der vom Volk verhassten Alix, wurde der Zorn des Volkes entfacht und zu einem gefährlichen Selbstläufer der das russische Volk aus der Leibeigenschaft unter das Joch des verbrecherischen Kommunismus geführt hat. Die Tragik des russischen Vielvölkerstaates , ist, dass keines der Regime das Wohl der Menschen im Blick hatte und die Gratwanderung zwischen Selbsbestimmung und Führung sowie die Etablierung von gesellschaftlichen Wertsystemen umsetzen konnte, die die vielen Ethnien nachhaltig in eine friedliche Koexistenz geführt hätte. Nicht nur das Volk in der Ukraine erntet noch heute diese zerstörerische Saat, der reformfeindliche Kräfte gerade vor der Revolution von 1917 den Weg geebnet haben. Was soll also dieser Apell der russischen Adeligen, der allerdings aus jedem anderen Mund zu rechtfertigen wäre.

    1. Lars Rosinsky

      Sehr geehrte Frau Stumpe-Lockheimer, ich denke daß Ihr Vorwurf an den Adel Russlands zu undifferenziert und daher ungerecht ist.

      Immerhin räumen Sie ja in Ihrem letzten Satz ein, daß dem Apell an die Regierungen Europas es zu unterlassen, Russlandfeindlichkeit zu kultivieren, inhaltlich durchaus zuzustimmen. Die Adligen Russlands agieren hier also lediglich als Bürger, die ihren Einfluss, ihre Kenntnis und ihre Auffassung kundtun. Das ist völlig legitim.

      Was ihre historischen Ausführungen anbelangt, so ist festzustellen, daß es sich beim russischen Adel keineswegs um eine festgefügte „Kaste“ handelte, sondern um eine heterogene Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen, die alle politischen Strömungen von konservativ bis linksliberal vertraten. Es waren die Westmächte Frankreich und Großbritannien, die zuerst Zar Nikolaus II. und mit ihm Russland in den verhängnisvollen 1. Weltkrieg hineinmanövrierten. Ein Krieg, der aus russischer Sicht sinnlos war und darüberhinaus die Kräfte des Landes überforderte. Die Westmächte versuchten jeden Frieden zwischen Russland und den Mittelmächten zu verhindern (z.B. durch die Ermordung Rasputins, der von Anfang an ein Kriegsgegner war). Auch auf den nachzaristischen Regierungschef Kerenski übten sie starken Druck auf, damit er den Krieg gegen Deutschland und Österreich verlängere. Erst dies führte dann im Oktober 1917 zur kommunistischen Machtübernahme, weil das russische Volk den Krieg, der zu diesem Zeitpunkt allein den Westmächten diente, beenden wollte. Dies geschah dann im Frieden von Brest-Litowsk 1918.

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