Zum 200. Geburtstag Otto von Bismarks – Das Geheimnis der Wirtschaft

Quelle: http://www.solidaritaet.com/neuesol/2015/16/bismarck.htm
Von Karsten Werner
Otto von Bismarck ist eine Reizfigur, damals wie heute. Zu Recht, denn er war keine dieser glattgebügelten Gestalten, wie wir sie heute nahezu flächendeckend in der politischen Landschaft erblicken und ertragen müssen. Unter seiner Führung wurde die Kleinstaaterei hierzulande überwunden und Deutschland erstmals als Nationalstaat geeint.1 Den Grundstein zu einem modernen Industrie- und Sozialstaat konnte er aber erst legen, nachdem er unter dem Einfluß gewisser Kreise eine zentrale Erkenntnis gewonnen hatte – Bismarck erkannte und bekämpfte eine bis heute andauernde Seuche: die Freihandelspolitik des Britischen Empire.

Freihandel?

Wer genauer auf die Wortwahl von Politikern achtet, bemerkt, daß sie gewisse Formulierungen als unumstößliche Wahrheiten geradezu gebetsmühlenartig wiederholen, ohne sie jemals genauer zu erklären. Unter dem Deckmantel „mehr Europa!“ wird die Demokratie durch Abgabe staatlicher Souveränität an Brüssel schrittweise abgeschafft, mit dem „Krieg gegen den Terror“ werden die Angriffskriege gegen Afghanistan und den Irak und die Hunderttausende toter Zivilisten gerechtfertigt, und mit der „Verteidigung von Menschenrechten“ deckt man bewaffnete Putschversuche in Libyen, Syrien und der Ukraine.

Eine weitere, zunächst harmlos klingende Floskel ist die „freie Marktwirtschaft“, in der die sagenumwobenen Märkte als unsichtbare Kraft die Geschicke der Völker automatisch zum Besten aller ordnen. Dabei werden Waren möglichst billig eingekauft und dann möglichst teuer verkauft. Das klingt gut und vereinfacht das eigene Weltbild, vor allem, weil auch ein klares Feindbild vorhanden ist: der böse Protektionismus. Im Grunde geht es hierbei um die Streitfrage, ob sich der Staat weitestgehend aus der Wirtschaft raushalten oder aber eine dirigistische Rolle einnehmen sollte.

Brandaktuell ist das Thema schon allein deshalb, weil derzeit allerorts neue sogenannte Freihandelsabkommen verhandelt werden, vor allem das mittlerweile schon berühmt-berüchtigte Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, welches die Handels- und Wirtschaftsbedingungen in und zwischen den USA und der Europäischen Union maßgeblich ändern soll. Private Konzerne würden im Endeffekt mehr Macht als gewählte Regierungen innehaben, und erstere könnten letztere im Ernstfall sogar bei Gesetzesänderungen auf Schadenersatz verklagen. Und obwohl Frau Merkel in den Medien immer als die Tonangeberin in Europa dargestellt wird, hört man selbst von ihr öfter Sätze wie diesen: „Wir dürfen die Märkte nicht beunruhigen.“ Damit ist sie allerdings nicht allein, denn alle zentralen Entscheidungsträger der westlichen Welt einschließlich der US-Regierung sind Jünger des Marktes.

Und Bismarck?

Genauso verhielt es sich auch zur Zeit Bismarcks, nur finden wir die Schlagworte damals etwas anders geartet. So liest man vom Lager der Freihändler auf der einen und dem der Schutzzöllner auf der anderen Seite. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren im Deutschen Reich nahezu alle Universitäten, Zeitungen, Politiker und Volkswirte auf der Seite des Freihandels, der mit religiösem Eifer verteidigt wurde. Ihren Ursprung hat diese Doktrin in Werken aus dem 18. Jahrhundert, vor allem von britischen Schreiberlingen wie Adam Smith, David Hume, John Locke u.a., die allesamt dasselbe Menschenbild teilten: der Mensch ist ein Sinneswesen, kann beobachten, genießen und leiden, aber nicht die Ursachen der Dinge erforschen und wissen, geschweige denn den großen Lauf der Dinge beeinflussen. Dafür sind ja die Märkte da.

So war auch Bismarck anfangs wie seine engeren Verbündeten im Reichstag, wie z.B. die beiden Bankiers Bamberger und Delbrück, überzeugter Vertreter des Freihandels. Folglich waren Zölle auf importierte Waren wie z.B. Eisen und Getreide extrem niedrig oder nicht vorhanden, was zur Überflutung des deutschen Marktes mit Billigwaren aus anderen Ländern führte und damit die heimische Landwirtschaft und Industrie in den Ruin trieb.

Aber glücklicherweise war Bismarck im Gegensatz zu den meisten Politikern kein bornierter Ideologe, sondern ließ sich bei politischen Fehlentscheidungen im Nachhinein auch eines Besseren belehren.
Weiterlesen: http://www.solidaritaet.com/neuesol/2015/16/bismarck.htm

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